Grünes Öl aus der Schweiz

Die Trockenheit lässt die Holzlager überquellen. Das rückt eine alte Idee wieder in den Vordergrund: Schweizer Holz als Energiequelle zu nutzen.

Originalartikel von Marc Gusewski

Der grünen Lunge vor den Toren Basels droht ein Infarkt. Baumgruppen im Hardwald zwischen Birsfelden, Muttenz und Pratteln zeigen sich braun, gelb und abgestorben. Bäume können umstürzen, Kronenteile abbrechen. Für Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die in der Herbstsession zum Waldzustand Stellung nehmen musste, ist klar: «Der Klimawandel zeigt sich im Wald bereits deutlich.» Das Ausmass der Schäden in den Wäldern variiere schweizweit aber sehr stark.

Holz als «grünes Öl»
Aus dem ganzen Baselbiet, wie auch von den übrigen Kantonen entlang der Jurakette, gelangen Hiobsbotschaften an die Öffentlichkeit. Bereits droht einigen Waldeigentümern das Geld für Sofortmassnahmen auszugehen. Der Platz für Notholzlager wird mancherorts eng.

Andreas Rigling von der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) schreibt in einem Statusbericht: «Die Trockenheit und Hitze im Jahr 2018 waren ausserordentlich, und zunehmend werden die Konsequenzen für den Wald sichtbar: Wir sprechen nicht von einem Waldsterben. Aber wichtige Leistungen des Waldes sind lokal beeinträchtigt.»

Die dringende Suche der Waldeigentümer nach Abnehmern für ihr Holz gibt einem Thema Auftrieb, das in den letzten Jahren von der Bildfläche verschwunden war: der Holzenergie. Noch nicht allzu lange ist es her, als sie als «unser grünes Öl» verkauft wurde.

Es sind drei Dinge, die Förster und Energiepolitiker an der Holzenergie begeistern: Erstens wächst der Brennstoff stetig nach. Zweitens ist das Verheizen eine ideale Option, weil das Material sonst keine Käufer finden würde. Und drittens entlastet das Geschäft die Rechnungen der Schweizer Gemeinden, denn ihre Forstdienste sind oft defizitär.

In den 90er und in den 00er Jahren kam es darum zum ersten Holzenergie-Boom – doch dann folgte die Flaute. In der Energiestrategie 2050 fand die Energieform nur beiläufig Beachtung. Rufe nach vermehrter Förderung gingen im Department für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) unter.

Die Zukunft der Holzenergie ist darum offen. Zuletzt prüften die Eidgenössische Forschungsanstalt Empa und das Paul-Scherrer-Institut (PSI), ob sich Biomasse als Basis für synthetische Treib- und Brennstoffe eignet. Die Idee: Holz wird mit komplexen technischen Anlagen verflüssigt oder in Gas umgewandelt. Danach kann es als grüner Treibstoff für Autos oder als Biogas in Gasheizungen dienen.

Nur: Die Verfahren haben sich als zu aufwendig und teuer erwiesen. Damit stellt sich die Frage: Wenn nicht in den Autotank oder ins Gasnetz, wohin dann mit der Biomasse?

Für den Holzenergiespezialisten Thomas Nussbaumer von der Hochschule Luzern ist klar: Holz kann zum Heizen, zur Stromerzeugung oder für Prozesswärme verwendet werden (Letzteres ist Wärme für die Industrie). Es gibt jedoch eine Einschränkung, wie Nussbaumers Forschungsergebnisse zeigen. «Je nach Betriebsweise und Feuerung verschmutzt die klimafreundliche Heizmethode die Luft. Manuell betriebene Feuerungen verursachen höhere Schadstoffemissionen als automatische.»

Tatsächlich war es Kritik am Schadstoffausstoss, die den ersten Holzenergieboom bremste. Ein Grund waren teilweise unausgereifte grosse Anlagen für das Verfeuern von Holz. Denn so heimelig ein Holzfeuer auch anmuten mag: Es gilt, Schadstoffe wie Stickoxid, Feinstaub und flüchtige organische Verbindungen zu vermeiden.

Es wurde intensiv nach Lösungen gesucht. Neuere Pelletheizungen, die mit gepressten Holzabfällen befeuert werden, lösen viele dieser Probleme. Sie sind in der Bedienung so komfortabel wie Ölheizungen. Doch der Anschaffungspreis ist hoch, und sie sind eher für Mehrfamilienhäuser geeignet.

Wärmeverbunde wollen Holz
«Bei den Wärmeverbunden wird die Holzenergie weiterhin nachgefragt», sagt der Holzenergiespezialist Andres Jenni, der seit über vierzig Jahren die Entwicklung mitverfolgt. Sie muss zwar mit den Brennstoffen Erdgas und Heizöl konkurrieren. Trotzdem ist der Zubau in der Schweiz recht konstant. Anlagen wie das Fernheizwerk in Meiringen, die anfänglich für grosse Probleme sorgten, können heute konstant mit Holzschnitzeln betrieben werden, die von frisch gehacktem Holz aus dem Wald stammen.

In Wärmeverbunden stehen meist traditionelle Öl- und Erdgaskessel bereit, um in Zeiten hoher Nachfrage oder bei technischen Problemen auszuhelfen. Der Trend geht aber dahin, grosse Holzfeuerungsanlagen mit Wärmepumpen zu ergänzen. So kann die CO2-Neutralität des Verbunds gewährleistet werden.

Der Holzenergie ist deswegen allerdings nicht automatisch eine erfolgreiche Zukunft vorgezeichnet. Wärmeverbunde – ob sie nun auf Gas, Öl oder Holz setzen – bekommen nämlich ein strukturelles Problem. Die Liegenschaften sind immer besser isoliert und brauchen immer weniger Heizwärme. Das macht den Betrieb von Wärmeverbunden teurer oder kann sie gar grundsätzlich in Frage stellen.

Hanspeter Eicher, Mitgründer des Ingenieurbüros Dr. Eicher + Pauli AG und Fernwärmespezialist, schilderte an einer Tagung für Gemeinden, wo er die Holzenergie in Zukunft noch sieht: Als Brennstoff für Prozessenergie der Industrie. Zum einen sei der Rohstoff Biomasse zu kostbar zum Verbrennen. Zum anderen sei es wenig sinnvoll, ein Feuer mit hohen Temperaturen zu unterhalten, wenn nur Wärme für Wohnen und Warmwasser gefragt ist. Für Gemeinden, die händeringend Kunden für ihr Energieholz suchen, ist das eine wenig erfreuliche Aussicht.